Von Elmau zum Schachenschloß

Königshaus
Niemand könnte hinter der Holzfassade des Schachenschlosses das orientalische Palastambiente vermuten, mit dem sich Ludwig II. diese Berghütte nach original Istanbuler Mustern einrichten ließ.
Ein Orient-Salon in den Alpen

Was den Alpenschriftsteller Heinrich Noe vor mehr als einem Jahrhundert bei seinem Aufstieg von Elmau bewegte, ist immer noch aktuell: »Die Elmau (Ulmenwasser) ist eine grüne Fläche, von einigen Häusern und einem Kirchlein belebt. Hier öffnet sich von Süden ein Felsspalt, aus welchem der >Kalte Bache herauskommt…

Abgesehen von dem Auffallenden der Landschaft wird der Ankömmling vom Weg als solchem überrascht. Da sind nicht weiße Felssplitter verstreut, tiefe Furchen und Geleisspuren, holperige Hervorragungen oder bedrohliche Löcher: glatt gebohnt wie eine hauptstädtische Straße zieht er sich hinein und hinan. Mit einer Droschke könnte man die Alpe erreichen. Solche Bequemlichkeit zieht die einen an, die anderen stößt sie ab. Als dem jungen bayerischen König das Reiten erlaubt war, zog er auf Pferdes Rücken auf die hohe Straße. Nunmehr befährt er sie mit einem niedrigen Wägelchen, und dieser Veränderung mögen es die Bequemen verdanken, wenn sie ohne jegliche Beschwernis zu den Regionen der Gemsen lustwandeln.

Vielleicht war die Zufahrt zum Schachenschloß zu Ludwigs Zeit sogar besser instand als jetzt. Am und über dem kräftigen Elmauer Bach ist die Forststraße für Fußgänger ebenso überbreit wie langweilig, aber höher im Wettersteinwald steigt man dann doch auf rauherem und schmalerem Weg und hat mehr Freude daran. Achtung an der unzureichend ausgeschilderten Weggabelung, die links in eine Talweite führt und rechts am Berghang hinauf rechts geht’s zum Schachen!

Hoch über dem Reintal und mit Ausblick aufs spielzeughaft verkleinerte Garmisch-Partenkirchen wandert man unter imposanten Steilwänden, Felsen und Geröllfeldern der Dreitorspitze und ihrer Vorberge auf die Schachenhäuser zu. An die hundert Meter unterhalb vom Weg liegt der Schachensee, voraus ist schon von weitem das Schachenschloß sichtbar. In der ehemaligen Jagdhütte etwas unterhalb kann man sich nach dem langen Anstieg unter freiem Himmel oder an einem dunkelbraun-glänzenden Kachelofen stärken und dabei auf alte Fotos vom Schachen schauen.

Schon all das Material heraufzuschaffen, das zum Bau des Schachenschlosses benötigt wurde, war um 1870 eine beträchtliche Leistung. Hinter der dekorativen Holzfassade einer stattlichen Berghütte wartet eine Überraschung. Die kommt noch nicht im Erdgeschoß wo die Räume schlicht und zweckmäßig eingerichtet sind, sondern erst, wenn man die enge Wendeltreppe erstiegen hat. Unversehens tritt man in ein orientalisches Gemach wie in einem Palast am Bosporus ein, mit emailgeschmückten Vasen, üppigen Pfauenfedern, Teppichen, buntverglasten Fenstern, Diwanen und reicher, vergoldeter Schnitzerei. Bilder osmanischer Paläste hatten Ludwig inspiriert. Architekt des »Königshauses auf dem Schachen« war der Hofbauingenieur Josef Röhrer. Als Vorlage hatte ihm der König vermutlich einen englischen Stich des Palastes gegeben, den sich Sultan Selim III. (1789-1807) in Konstantinopel am Goldenen Horn gebaut hatte. Ludwigs Zutat: ein Springbrunnen inmitten des Raumes, nach der Ansicht eines türkischen Teehauses. Fast ein Drittel der Kosten mußte für die Anlage des Reitweges in die Bergeinsamkeit der Schachenalpe aufgewendet werden, heute eine unentbehrliche touristische Infrastruktur.

»Während der Troß seiner Dienerschaft als Muslims gekleidet auf Teppichen und Kissen herumlagerte, Tabak rauchend und Mokka schlürfend, wie der königliche Herr befohlen hatte«, genoß der König in türkischer Tracht die Szene, mit einem Buch beschäftigt und von Pfauenfächern umfächelt – so hat Luise von Kobell einen Nachmittag auf dem Schachenschloß geschildert. Auf dem Schachenschloß fand »auf einem der Diwane« im August 1874 aber auch ein langes politisches Gespräch mit Felix Dahn (1834-1912) statt, dem Historiker und Juristen, der damals Professor in Würzburg war und zwei Jahre darauf seinen Erfolgsroman »Ein Kampf um Rom« veröffentlichte. Der König äußerte sich unverhohlen und, wie Dahn feststellte, mit »ganz überraschender Sachkenntnis … es ergötzte ihn offenbar, sich im Streite gewandt und glatt zu erweisen, dergleichen hatte ich von diesem schwärmerischen Wagner Verehrer nicht erwartet.«

Im Schachenschloß gibt’s bis heute keine elektrische Beleuchtung – aber im Schachenhaus daneben kann man einkehren und übernachten.

Hauptthema war Ludwigs leidenschaftliche Abneigung gegen das »elende deutsche Reich« und die Militärpartei in Preußen, sein Argwohn, Preußen wolle sich ganz Bayern einverleiben. Dahn widersprach und fürchtete »ungnädig entlassen zu werden«, aber als der König ihn im Abenddämmern verabschiedete, drückte er ihm die Hand: »Es ist spät geworden. Sie können nicht mehr hinunter. Sie sind mein Gast für die Nacht. So wie Sie hat noch kein Mann zu mir gesprochen. Ich werde Ihnen das nie vergessen. Leben Sie glücklich. «