Verlobung auf Widerruf

Ludwig II. und Sophie in Bayern
Ludwig II. und Sophie.

»Es gibt keinen Ausdruck für ein solches Benehmen« (Kaiserin Elisabeth, 1867)
»Halten Sie es denn auch für so dringend, daß ich heirate?«, fragte Ludwig II. seinen Justizminister von Bomhard. Mit Widerstreben nahm der 21 jährige zur Kenntnis, daß Öffentlichkeit und Familie die Eheschließung und königlichen Nachwuchs von ihm erwarteten. Man erzählte von seiner Distanz zu Frauen, von Müttern und Töchtern, die ihn in eindeutiger Absicht zu treffen versuchten, von Schauspielerinnen, die ihn so trickreich wie vergeblich umwarben. Ludwig verehrte seine acht Jahre ältere Cousine (genauer: Tante) Sisi, die Kaiserin von Österreich, die er in deren Familienschloß Possenhofen am Starnberger See traf. Sisi hatte eine jüngere Schwester, Sophie, die sich für Richard Wagners Musik begeisterte – vielleicht darum, weil sie Zuneigung zum König fühlte und sich seine Vorlieben zu eigen machte.

Ludwig besuchte Sophie in diesem Jahr 1866 häufig von Schloß Berg aus, sie sang ihm bis in die Nacht Wagner Arien vor, sie schrieben sich Briefe als »Heinrich« und »Elsa«, bis Sophies Mutter der Zeitpunkt für ernstere Schritte gekommen schien. Er sei nicht »aufgelegt zum Heiraten«, beschied der junge König. Dann gäbe es auch keine Besuche und keinen Briefwechsel mehr, entschied die herzogliche Mutter gemäß dem Moralkodex der Zeit.

Die Beziehung riß dennoch nicht ab, schon weil Ludwig, dem man von Sophie berichtet hatte, sie sei tief unglücklich, sich wenige Tage später zu hoffnungsvollen Andeutungen herbeiließ und schließlich zu einem förmlichen Heiratsantrag.

Die Hochzeitsvorbereitungen gingen rascher voran, als der König erwartet hatte. Zudem reichte Sophies Charme doch nicht ganz aus, ihn länger zu begeistern. So wurde die Hochzeit verschoben, obwohl Sophies Wohntrakt in der Residenz eingerichtet, die Erinnerungsmedaille geschlagen, die opulente Hochzeitskutsche schon probegefahren war. Vom Sommer 1867 bis in den Herbst schob Ludwig das für ihn düstere Ereignis vor sich her, dann übermittelte Herzog Max, der Brautvater, dem König »untertänig« ein »spätestens im November! « – so ultimativ, daß Ludwig daraufhin die Verlobung auflöste. Nur Bruderliebe fühle er, stand in seinem Absagebrief an Sophie. Ludwig hat den Versuch mit keiner anderen Frau wiederholt. »Seien Sie überzeugt«, schrieb er später an Minister von der Pfordten, »daß ich ihren (der Frauen) Wert nicht unterschätze. Bei den meisten jungen Leuten mischt sich Sinnlichkeit in ihre Neigung zum anderen Geschlecht; diese verdamme ich.«

Ob Ludwig seine homosexuellen Neigungen, die ihn mit schweren Schuldgefühlen belasteten, je ausgelebt hat, ist zumindest zweifelhaft.