Goldglanz im Graswangtal

Graswangtal

Ein »poetischer Zufluchtsort« sollte es werden, hinten im Tal des Ammergebirges, und der 23 jährige König hatte ihn nötig. »Es ist notwendig, sich solche Pardiese zu schaffen, … wo man die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann«, schrieb er der Baronin Leonrod, seiner einstigen Erzieherin. Er, der von königlicher Berufung überzeugt war, sah durch die Niederlage 1866/67 seine Macht unter der Hand dahinschwinden. Scheitern und Enttäuschung im privaten Bereich kamen hinzu, von seinem Genius Wagner hatte sich Ludwig trennen müssen, als Bräutigam hatte er versagt, Bauen und Gestalten war jetzt sein Trost, und zwar nach dem französischem Vorbild des bewunderten 17. und 18. Jahrhunderts. Leitbild sollte Ludwig XIV. sein, der mächtige Namensvetter, dessen Losung »L’état c’est moi« der Wittelsbacher in »Meicost Ettal« verschlüsselte – der Spruch paßte in Ludwigs II. Traum, nicht in seine reale Situation.

»Der Appetit kommt beim Essen«, wäre als Motto für den Bau auch recht zutreffend gewesen. An dem einstigen Jagdhaus des Vaters wurde viele Jahre lang gewerkelt, aus dem Konzept eines »Königshauschens« wuchs mit immer neuen Erweiterungen ein Prunkbau mit überbordend üppigem Giebel und dreimal vergrößertem Schlafzimmer. Der Architekt Georg von Dollmann, der Theaterdirektor Franz von Seitz und der Bühnenbildner Christian Jank schufen unter autoritärer Mitwirkung des Königs eine in sich stimmige Prachtinszenierung, über die puristische Kritiker freilich den Stab brachen.

Diese Inszenierung bezog die Landschaft in den begehbaren Traum ein, mit Terrassen und Fontänen, mit Berghang und Wasserfall, und dehnte die Gartenkultur mit Pavillons und Grotten bis zu den rauhen Fichtenwäldern aus. Wie die Zimmerflucht unter vergoldetem Dekor und Spiegeleffekten zwischen den Farben Gelb, Lila, Rosa und Blau wechselt, so werden in der Venusgrotte im Park die künstlichen Felswände im ebenso künstlichen Regenbogenglanz angestrahlt. Eine der frühesten elektrischen Siemensbeleuchtungen sorgt mit rotierenden Farbglasscheiben für die illusion. Der Schloßherr wünschte ganz ungestört zu sein, sein in die Küche versenkbares »Tischlein-deck dich« ersparte ihm die Gegenwart seiner Diener.