Der Orient auf dem Dach der Residenz

Angetreten zum Familienfoto: das Königspaar mit den Söhnen Ludwig (links) und Otto, 1860. Ludwig schuf sich bald eigene Welten.

Was für Welten erträumte sich Ludwigs Phantasie, was verwirklichte er schon im ersten Jahrzehnt seines Königtums? Das Sonnenkönigtum war eine Vision, in einer anderen aber schuf sich der junge Herr einen privaten Orient, eine tropische Landschaft mit indischer Hütte, Wasserfall, einem kleinen See in einem kupfernen Becken und am Horizont Himalaya Konturen. Real fand das alles seinen Platz in einem Wintergarten auf dem Dach der Residenz. Rund 80m lang wölbte sich die Glashalle unter einer freigespannten, selbsttragenden Eisenkonstruktion. »Sagen Sie Effner, er möge auch Bananen und Dattelpalmen für den Wintergarten herbeischaffen, denn diese Bäume sind absolut notwendig«, schrieb Ludwig und hätte am liebsten auch einen jungen Elefanten und eine Gazelle gehabt. Auf die mußte er verzichten, aber sonst war im Jahr 1871 alles fertig, und der Hofgarteninspektor Effner wurde mit dem Ritterkreuz des Michael-Ordens belohnt.

Zu den auserwählten Gästen in diesem künstlichen Paradies zählten der später mit seiner Geliebten aus dem Leben geschiedene – oder doch erschossene? – Kronprinz Rudolf von Österreich, sodann Ludwigs II. Vetter Ludwig Ferdinand mit seiner frisch angetrauten spanischen Braut und auch jene nicht gertenschlanke Sängerin, die mit ihrem Kahn im Miniaturteich kenterte, unfreiwillig oder doch nicht, und vergeblich auf die Hilfe des Königs wartete. Der rief nach dem Diener.

Auch der Wintergarten, im Zeitgeschmack damals gern als königliches »Feenmärchen« beschrieben, existiert nicht mehr, der Bau wurde schon 1897 abgerissen. Daß es kein Märchen war, dokumentieren die Bilder des Hoffotografen Joseph Albert, die im »König Ludwig II.-Museum« in Schloß Herrenchiemsee ausgestellt sind.