Der Bauherr

könig ludwig II
In den siebziger Jahren war der König mit Neuschwanstein und Linderhof beschäftigt, bald auch mit Herrenchiemsee.

»Doch muß das Gebäude großartiger werden« (König Ludwig über die Linderhof Pläne)

Gebaut hatten schon Ludwigs II. unmittelbare Vorgänger: Ludwig I. im Stil der Renaissance und des Klassizismus, mit Säulen und Statuen, nach römischen und Florentiner Vorbildern; Maximilian II. liebte das Altdeutsche und die Zinnen und Erker der englischen Neugotik. Ludwigs II. Architekturträume wurden von Richard Wagners Musikdramen und vom absoluten Königtum Ludwigs XIV. inspiriert und schweiften in noch fernere Regionen aus. Zunächst ließ er sich auf das Dach der Münchner Residenz einen üppigen Wintergarten bauen, mit Teich, Papageien, orientalischem Königszelt und bengalischer Beleuchtung. Für den Freund Wagner plante er ein imposantes Festspielhaus, das der berühmte Gottfried Semper (Oper in Dresden, Wiener Burgtheater) auf den Höhen über der Isar erbauen sollte, nördlich vom Gasteig. Eine neue Prachtstraße sollte die Münchner Semper-Oper mit der Residenz verbinden.

Dazu kam es dann nicht, amusisches Publikum verstand Wagners Musik nicht, eine Pressekampagne verfolgte die unbürgerliche und anmaßende Lebensweise des Komponisten, die Minister sträubten sich gegen das finanzielle Engagement. Semper wurde ausgezahlt, nur ein Modell seines Entwurfs blieb erhalten.Ludwig II. Sorgte noch dafür, daß München eine Technische Hochschule im Neorenaissancestil bekam und das Maximilianeum, ursprünglich auch eine Bildungseinrichtung, fertiggebaut wurde (heute Parlament des Freistaats Bayern). Aber des Königs Enttäuschung über die Münchner und seine Regierung war riesig, sie trieb ihn aus der ohnehin nie geliebten Stadt. Fortan war er der Bauherr seiner »Traumschlösser« in den bayerischen »Traumlandschaften«

Ein Bauherr mit genauesten Kenntnissen war er, einer, der sich Kisten voller Spezialliteratur besorgte und Sie auch las, der seine Architekten und Baumeister antrieb, sich um jedes handwerkliche Detail kümmerte und Zugleich die Dimensionen seiner Projekte immer weiter steigerte. Die Verschuldunig war vorprogrammiert, aber Ludwig ließ sich von der Finanznot noch lange nicht mattsetzen. Vergangene, in seinen Augen schönere Welten wollte der junge König neu erstehen lassen. Er schickte Vertraute zu Architekturstudien auf die Wartburg, reiste selbst nach Versailles, beschäftigte sich mit Pierrefonds, dem Burgneubau des französischen Gotik-Erneuerers und Restauratoren-Papstes Viollet-le-Duc. Für Ludwig verwirklichte sich in den Schlössern die Sagenwelt – so in Neuschwanstein , oder sie waren die steinerne Darstellung des Gottesgnadentums der Monarchie. Schon deshalb wurde perfekte Ausführung befohlen. Unter dem Ansporn, historische Stile neu zu gestalten, entwickelte das bayerische Kunsthandwerk überragende Qualitätsstandards. Überall erscheinen die Symbole des von Ludwig hoch idealisierten Herrschertums.

Der Schwan steht für Reinheit und Tugend-Verpflichtung, die Sonne für die Macht des Sonnenkönigtums Ludwigs XIV., der Pfau für orientalisches Königtum.

Zur Verstärkung der sichtbaren Effekte waren Ludwig II. die technischen Fortschritte seiner Zeit gerade recht. Die Venusgrotte wurde beheizbar gemacht, Wellen- und Regenbogenmaschinen, Wasserpumpen eingesetzt, ein künstlicher Sternhimmel spannte sich über Ludwigs Bett – je exakter die Illusion, desto besser. Auch die Wandmalereien mußten genau sein, ein Realismus wurde angestrebt, der mit den späteren Ausstattungsfilmen viel, mit historischer Verläßlichkeit oft wenig gemein hatte.

Noch lange haben Kunsthistoriker die »Märchenschlösser« ignoriert oder sie pauschal als »Kitsch« heruntergestuft, weit davon entfernt, sie im Zusammenhang des Historismus in der Architektur des 19. Jahrhunderts zu begreifen und zum Beispiel herauszufinden, wie weit Ludwigs Bauten Kopien ihrer Vorbilder oder doch auch eigenständige Neuschöpfungen sind Das wissenschaftlich weniger vorbereitete Publikum erkannte in Ludwigs Bauten freilich Qualitäten, die viele an der gängigen Verwaltungs- und Wohnarchitektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermissen. Schönheit zum Beispiel, sogar Originalität.