Das vierte Schloß

Falkenstein

Schon als Kind weiß man, war Kronprinz Ludwig von der Burgruine Falkenstein und ihrer grandiosen Lage tief beeindruckt. 1883 stand die Vollendung der beiden großen Schlösser Neuschwanstein und Herren chiemsee noch an einem fernen Horizont (tatsächlich blieben beide ja unvollendet). Trotzdem und trotz bedrohlicher Finanzlage begann der König aber mit der Planung seines vierten Schlosses.

Eine erste ldeenskizze ließ er sich von dem hochbegabten Bühnenmaler Christian Jank zeichnen: eine filigrane Phantasieburg, überreich an Türmen, Erkern, Giebeln-und offensichtlich viel zu groß dimensioniert, um auf dem schmalen Gipfelplateau des Falkensteins Platz zu finden. Aus dem Abstand der Geschichte wirkt diese Skizze wie ein Symbol für den Bruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit in Ludwigs Leben. Um so ernüchternder fielen die vom Sparwillen der Hofbauintendanz diktierten Entwürfe des Hofarchitekten Georg Dollmann aus. Sie zeigen eher eine Villa mit angefügtem Campanile als ein Schloß. Enttäuscht beauftragte der König daraufhin statt Dollmann den Hausarchitekten des Fürsten von Thurn und Taxis, den Regensburger Oberbaurat Max Schultze, mit der weiteren Arbeit. Wie wichtig Ludwig das Projekt Falkenstein war, zeigt sich auch darin, daß er im Mai 1884 vorsichtshalber einen Strohmann als Käufer des Gipfelgrundstücks auftreten ließ, um jedes Aufsehen vor Baubeginn Zu vermeiden.

Als ein bayerisches Bankenkonsortium wenige Wochen später der königlichen Kabinettskasse ein Darlehen von 75 Millionen Mark auszahlte und Schulden bei Handwerkern und Lieferanten getilgt werden konnten, übernahm aber Ludwig selbst bald darauf offiziell den Besitz. Schon im Juli 1884 begannen 64 Arbeiter mit dem Bau der Zufahrtsstraße zum Gipfel.

Anders als Schloß Neuschwanstein, dessen Entwurf vom Vorbild der Wartburg inspiriert war, und anders als Herrenchiemsee, das Ludwig II. als eine bayerische Huldigung an Ludwig XIV und sein Versailles plante, wäre Falkenstein als der persönlichste Ausdruck seiner Ideenwelt entstanden, eine Eremitage und Ein-Mann-Burg in feierlichem byzantinischem Stil, in der zwar Erdgeschoßräume für die Dienerschaft, aber keine Gasträume vorgesehen waren. Als Hauptraum sollte ein riesiges, von einer Sternenhimmelkuppel überwölbtes Schlafzimmer entstehen, voller Bildsymbole, die Schönheit und Reinheit, Schlaf, Tod und Wiedergeburt beschwören.

Die Entwürfe blieben Papier, 1886 waren die Baukosten von rund 1,5 Millionen Euro nicht aufzubringen. Ein Jahrhundert später planten finanziell potentere Bauherren, Ludwigs Vision auf dem Falkenstein zu verwirklichen, kapitulierten dann aber doch vor den Schwierigkeiten. Vermutlich wäre mit zu vielen Abstrichen von Ludwigs II. Vision doch nur eine alpine Theater kulisse entstanden.